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Rang 5 für die Schweiz im internationalen digitalen Ranking. Also alles gut?

Ende September veröffentlichte die IMD ihr jährliches Ranking der leistungsfähigsten Digitalökonomien der Welt. Die Schweiz konnte ihren Spitzenplatz unter insgesamt 63 untersuchten Ländern verteidigen und belegte zum zweiten Mal den 5. Platz hinter der digitalen Übermacht USA auf Platz 1 und Singapur auf Platz 2 – die ersten beiden Plätze waren schon 2018 gleich belegt - sowie Schweden und Dänemark auf den Plätzen 3 und 4. Dieses Ergebnis ist beachtlich, vor allem wenn man berücksichtigt, dass unser grosses Nachbarland Deutschland ziemlich abgeschlagen auf Rang 17 und China auf Rang 22 liegen. Das klingt sehr erfreulich, aber es werden dennoch kritische Stimmen laut, ob dieses gute Resultat wirklich direkt darauf schliessen lässt, dass die Schweiz auf dem besten Wege der digitalen Transformation und digital ausreichend wettbewerbsfähig ist.

IMD WDCR 2019

Wie wird untersucht?

Das IMD-Ranking wurde zum ersten Mal im Mai 2017 erstellt. In die Beurteilung fliessen die unterschiedlichsten Daten ein. Beispielsweise Patentanmeldungen im High-Tech-Sektor, Statistiken betreffend Studienabsolventen, aber auch Daten aus Meinungsumfragen unter Managern.

Das IMD vergleicht hauptsächlich nach den drei Kriterien «Wissen», «Technologie» und «Zukunftsfähigkeit». Dabei meint «Wissen» die Verfügbarkeit des notwendigen Wissens in Wissenschaft und Wirtschaft, «Technologie» steht für die Kompetenz, digitale Innovationen unter den richtigen Rahmenbedingungen (Regulierungen/Kapital) zu entwickeln und «Zukunftsfähigkeit» beschäftigt sich mit der Bereitschaft von Unternehmen und Privatpersonen, sich für die neuen digitalen Entwicklungen und Innovationen zu öffnen und sich an die neue Situation anzupassen.

 

Wie schneidet die Schweiz ab?

Schaut man sich die Unterkategorien etwas genauer an, so fällt auf, dass die Schweiz vor allem im ersten Bereich Wissen sehr gut abschneidet, dort liegt sie auf Platz 2. Wissenschaftliche Kompetenzen und die Fähigkeit, IT zu integrieren sind Stärken der Schweiz: «Unser Land zieht Talente aus aller Welt an, die internationale Erfahrung ist hoch, es wird viel in die Forschung investiert und auch sind viele Personen in wissenschaftlichen oder technischen Berufen tätig.» führt Rudolf Minsch aus. (Prof. Dr. Rudolf Minsch: Digitale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz: gut, aber nicht gut genug

Bereits leicht weniger gut schneidet die Schweiz im zweiten Bereich Technologie ab. Laut Prof. Minsch fällt hier negativ ins Gewicht, dass es schwierig ist, in der Schweiz ein Unternehmen zu gründen und dass die Gesetzgebung zur Immigration nicht technologiefreundlich ist. Wie er ausführt, «werden die Investitionen in die Telekommunikation und die Marktkapitalisierung von IT-Unternehmen als mangelhaft beurteilt. Schlecht schneidet die Schweiz auch bei Wireless-Breitband ab, hier verhindert die Politik den raschen Ausbau der 5G-Technologie.».

Auch beim letzten untersuchten Faktor besteht noch Entwicklungsbedarf. Die Schweizerinnen und Schweizer sind in punkto «E-Partizipation» noch nicht wirklich gut aufgestellt und auch «in der Privatwirtschaft mangle es am Einsatz von Big Data und Robotern.», wie Minsch erklärt. In diesen beiden Bereichen liegt die Schweiz jeweils auf dem 10. Platz des Rankings.


Was sagt das Ranking bezüglich erfolgreiche Digitalisierung aus?

Die in der von IMD durchgeführten Untersuchung berücksichtigten Indikatoren und das auf dieser Basis erstellte Ranking können daher nur teilweise Aufschluss zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder geben.  

In der Detailbetrachtung schneidet die Schweiz besonders in drei untersuchten Unterkriterien nicht gerade gut ab: «Lehre/Weiterbildung und Ausbildung, Kapital sowie Beweglichkeit der Unternehmen.» (Kommentar NZZ vom 26.9.2019 von Christiane Hanna Henkel: Die Digitalisierung Helvetiens: warum die Schweiz für das digitale Zeitalter Mandelbutter braucht. Das verwundert doch etwas, ist die Schweiz doch für ihr gutes Schul- und Ausbildungswesen und ihre renommierten Universitäten bekannt. Und auch viele Schweizer Konzerne sind seit Jahren weltweit erfolgreich. Das ist auch alles richtig, doch Christiane Hanna Henkel führt in ihrem Artikel aus, dass diese «Vorzüge [ ] die Schweiz nicht unbedingt auf für die Digitalisierung vorbereiten» und:

«Anstatt von digitalen Champions wird die Schweizer Wirtschaft von Konzernen wie Nestlé oder Novartis dominiert und von nichtdigitalen und zum Teil eher konservativen Branchen wie Privatbanken, Uhrmacherei, Landwirtschaft oder Maschinenbau. Das Ausbildungssystem bringt denn auch mehrheitlich Talente für diese Branchen hervor: Juristen und Betriebswirtschafter. Und Jungunternehmen wandern oft ins Ausland ab, weil sie dort bessere Chancen auf eine Finanzierung haben und weil in Ländern wie den USA ein grösserer Absatzmarkt lockt»

Das grösste Manko, das Frau Henkel der Schweiz bescheinigt, ist der Mangel an Wettbewerbsintensität und den daraus resultierenden geringen Innovationsdruck der Schweizer Unternehmen. Vor allem beispielsweise im Detailhandel ist die Offenheit nach aussen eher gering. Abgesehen von Aldi und Lidl besteht hier kaum Konkurrenz, sodass die Marktführer Coop und Migros kaum externen Wettbewerbsdruck verspüren. Als Resultat ist das Sortiment im Vergleich zu ausländischen Supermärkten eher bescheiden.

«Wo der Wettbewerbsdruck relativ tief ist, ist auch die Notwendigkeit zur Innovation im Allgemeinen und zur Digitalisierung im Speziellen gering. Wie soll eine Gesellschaft die mit der Digitalisierung auch verbundene freudige Aufgeregtheit und den Spass an der Anwendung neuer Technologien erfahren, wenn Unternehmen nicht durch den Wettbewerbsdruck dazu animiert werden, ihre Dienstleistungen und Produkte via neue Technologien zu verbessern?  Ein Detailhändler jedenfalls, der ein Treueprogramm anbietet, das ein Heft umfasst, in das – wie schon in der Nachkriegszeit – Treuemarken eingeklebt werden müssen, ist kein digitaler Vorreiter.»

führt Frau Henkel in ihrem Artikel mit Recht an.

Obwohl die Schweiz mit dem 5. Platz im Ranking des IMD stolz sein kann, liegt noch viel Arbeit vor uns, wenn wir längerfristig auf der digitalen Transformationswelle mitreiten und auch künftigen diesen guten Platz verteidigen möchten. Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Und Länder wie China könnten schon 2020 unter den ersten 10 im Ranking liegen, wie der Finanzprofessor Artura Bris, Autor der IMD-Studie vermutet.

Investitionen im Bereich Künstliche Intelligenz und Robotics

Wenn man die neue Rangliste mit dem Ranking aus dem Vorjahr vergleicht, so fällt auf, dass sich zwar in den vorderen Rängen nicht viel verändert hat, dass aber diverse asiatische Länder deutlich auf dem Vormarsch sind. So stiessen Hongkong und Südkorea in die Top Ten auf und Taiwan und China verbesserten sich auf die Ränge 13 und 22. Alle diese Länder weisen deutliche Fortschritte bei der technologischen Infrastruktur auf. Insbesondere China investiert zudem tüchtig in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz: 95 % der Investitionen stammen dort laut Bris aus den USA und China. Auch in der Agilität ihrer Unternehmen, der Flexibilität, neue Technologien wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz zu integrieren, sind die asiatischen Länder unglaublich stark, wogegen die Schweiz in diesem Bereich eher schwerfällig agiert.

Dieses Jahr integrierte das IMD in ihrem World Digital Competitiveness Ranking (WDCR) erstmals zwei neue Variabeln in die Berechnung des Rankings, beide haben mit Robotics zu tun:

«In the context of the WDCR, we are incorporating two series: “industrial robot” that measures the total number of robots in operation and specifically “robots in education and R&D” worldwide. The data is provided by the International Federation of Robotics.» (Christos Cabolis: Incorporating industrial robots in the forthcoming IMD World Digital Competitveness Ranking)

Die Zahlen zeigen erwartungsgemäss, dass die Nutzung von Robotern weltweit sehr ungleichmässig verteilt ist. 5 Länder nutzen fast 75 % aller Roboter, diese sind in Reihenfolge der Nutzung: China (23.5 %), Japan, Rep. Korea, USA und Deutschland.

Wenn man sich zum Vergleich nur diejenigen Roboter anschaut, die im Bereich Ausbildung sowie Research & Development verwendet werden, ist China wiederum der Spitzenreiter mit 22 %, hier gefolgt von Deutschland, USA, Japan und Frankreich. Alle 5 zusammen machen 65 % aus.

Der in diesem Zusammenhang wichtige Punkt ist die ungleiche Verteilung dieser Form der Automatisierung. Der Vorteil, den die fünf Volkswirtschaften durch ihre Vorreiterrolle im Bereich Robotik im Vergleich zu den anderen Volkswirtschaften haben, ist gross. Stellt sich die Frage, ob dieser Vorteil dann auch zu einem Vorteil in der digitalen Entwicklung allgemein und zu einer grösseren digitalen Ungleichheit zwischen den Ländern führen wird.  

In jedem Fall müssen Schweizer Unternehmen offen sein für digitale Innovationen im Bereich Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Robotic Process Automation (RPA). Es wäre falsch, sich jetzt auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Wenn wir den Spitzenrang im digitalen Race gegen die nachrückenden Nationen - vor allem aus dem asiatischen Raum – weiterhin verteidigen wollen, heisst es, aktiv an den Schwachpunkten in den Bereichen Technologie und Zukunftsfähigkeit zu arbeiten!

Wenn Sie die Situation in Ihrem eigenen Unternehmen ansehen - wo würden Sie sich im Prozess der digitalen Umwandlung im Schweizer Vergleich positionieren? Eher in den vorderen Rängen oder doch weiter hinten bei den Unternehmen mit Digitalisierungsbedarf?

 

Simone Lei, Communications Specialist

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